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Das erste Jahr dieser Pandemie ist um. Viele von uns erinnern sich genau an den Tag, an dem sie das letzte Mal im Büro waren, an dem sie auf dem letzten Konzert, im letzten Theaterbesuch waren, die letzte Flugreise gemacht, das letzte Geburtstagsessen mit Freunden gefeiert hatten, jedenfalls ohne Abstand und Masken und ohne Angst. Bei viel zu vielen von uns hat sich seither wenig geändert. Wir sind nach wie vor nicht geimpft, die Inzidenz im Kreis liegt auf Rekordniveau, wir tragen weiterhin Masken, jetzt nicht mehr die lustigen, bunten, selbstgenähten, sondern die teuren FFP2 oder gar FFP3 Varianten. Wir waschen uns so oft und gründlich die Hände wie sonst nur ArztseriendarstellerInnen in TV-Serien und schielen besorgt auf die kryptischen Meldungen der Corona-Apps unserer Handys. „Zwei Begegnungen mit niedrigem Risko“, was bedeutet das genau, zumal, wenn man seit zehn Tagen das Haus nicht oder nur bis zur Mülltonne an der Straßenecke verlassen hat? Ein Jahr Leben in pandemischen Zeiten, und wir ahnen: Es werden vermutlich eher zwei oder gar drei solcher Jahre, realistisch betrachtet. Der Umgang unserer Regierungen mit dem Thema, ob auf Bundes- oder Landesebene, deutet stark darauf hin. Das hier ist ein Marathon, kein Sprint. Teilen wir uns unsere Kräfte gut ein.

Ostern wird nun also der Gründonnerstag der Rettung der Nation geopfert. Die Läden bleiben zu, also, fast alle, so ganz genau ist das noch nicht klar, es ist ein Ruhetag, wie ein normaler Sonntag, aber der ist ja auch schon ziemlich ausgehöhlt. Hier hat jedenfalls nicht nur die Tanke, sondern auch am Bahnhof alles auf. Nein, nicht am Hauptbahnhof, am U-Bahnhof im Grünen. Feinkosthöker, Dönermann, Coffee to go, Späti mit DHLpaketannahme, Lotto und Zigaretten, drei Meter daneben ein weiterer Kiosk mit Zeitschriften, Bier, FFP2-Masken für 4 Euro das Stück, Kondome haben sie sicher auch … was man halt alles so dringend braucht am Sonntag.

Am Karfreitag ist wie immer alles zu (mehr oder weniger, s.o.) und natürlich darf nicht getanzt werden, wo kämen wir da hin, die Lage ist nicht zum Tanzen. Sonnabend ist wieder alles wie immer, ganz normal, nur keine Osterfeuer, es sei denn, man hat einen Schrebergarten. Ich habe vom Balkon aus einen Panoramablick auf ein Dutzend Parzellen, in denen jeder sein eigenes Osterfeuer entfachen wird, wie schon im letzten Jahr. So schön. Einkaufen kann man wieder überall, beim Lidl ums Eck von früh um sieben bis spät um neun, das wird gesellig, vorsichtig formuliert.

Es wird das zweite Osterfest in Folge, in dem sich meine erweiterte Familie nicht – wie sonst normalerweise – zum Osterfrühstück versammeln darf. Und dabei sind inzwischen fünf der sieben geimpft, sogar schon zum zweiten Mal. Doch dieses Szenario ist offenbar nicht vorgesehen. Immerhin nach Mallorca fliegen dürften wir aber. Klar, die Lufthansa zu retten war teuer, das muss sich ja langsam rentieren. Ich möchte gern jemanden feste hauen, ersatzweise irgendwo gegen treten, aber ich bin ja vernünftig. Wie die Mehrheit der Deutschen, die noch relativ klaglos jahrelange schwere Grundrechtseingriffe und Beschneidung ihrer persönlichen Freiheit zum Wohle der Allgemeinheit hinnimmt, während eine lautstarke, winzige Minderheit von Querdenkernschlägern bei ihren Superspreaderevents von der Polizei hofiert wird und die Katholiban sich empört weigert, über Ostern den Laden dicht zu machen.

Wie gesagt: Teilen wir uns unsere Kräfte gut ein. Noch sechs Monate bis zu den Bundestagswahlen. Die dürften interessant werden.