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Social Media lähmt mich. Langsam aber sicher erstickt es meine Kreativität, Tweet für Tweet, Tiktokfilmchen für Tiktokfilmchen, Instagramstory für Instagrambildchen für Instagramreel. Ich muss da weg und kann doch nicht weg, denn Social Media ist auch self promotion, und wer soll mich sehen, wer meine Arbeit finden, wer mein Bärenabo bestellen, wenn ich dort nicht präsent bin? Wie sollen hier die Lichter anbleiben?

Die Stimmung ist nicht nur bei uns im Land schlecht, das wäre nichts Neues, schlechte Laune und Gemecker ist ja geradezu die deutsche Werkseinstellung. Es ist ein weltweites Problem. Schlechte Nachrichten, wohin man schaut. Social Media gibt den den nüchtern vom Nachrichtensprecher vorgetragenen Zahlen zu Kriegsopfern, Klimaflüchtenden, Arbeitslosen, Coronatoten, Schulmassakern ein Gesicht.

Damals, in grauer Vorzeit, als ich beim Fernsehen arbeitete und hautnah sah, wie Nachrichten gemacht werden, habe ich nach dem Burn-out meinen Fernseher abgeschafft und mich, wenn nicht von der Welt, so doch von den „Nachrichten“ abgewandt: Wenn es wichtig ist, wird es mich finden. Wenn ich den Verlauf des Geschehens nicht beeinflussen kann, wenn es mich und meine Lieben nicht unmittelbar betrifft, dann muss ich es nicht wissen. Not my circus, not my monkeys. Damit bin ich fünfzehn Jahre lang, bis etwa 2007, gut gefahren. (Seit ein paar Jahren habe ich auch wieder einen Fernseher, obwohl ich ihn zwischen Olympiaden und Fussballweltmeisterschaften nur als Monitor für den DVDspieler nutze.)

Nun sind weitere fünfzehn Jahre vergangen, fünfzehn Jahre mit Social Media, mit der Welt in der Hosentasche, nur einen Klick weit weg. Meine Konzentrationsfähigkeit hat enorm nachgelassen, meine Aufmerksamkeitsspanne reicht nur mehr von der Tapete bis zur Wand, ich weiß nicht mehr, wann ich mich das letzte Mal hingesetzt und ein Buch in einem Rutsch durchgelesen habe.

Meine Laune ist im Keller, viele der Menschen, die ich über Social Media kennen- und, wenn nicht lieben, so doch mögen gelernt habe, gehen mir zusehends auf die Nerven. Ich ihnen umgekehrt garantiert auch. Ich gehe mir ja selbst auf die Nerven, ich bin nicht mehr ich selbst. Ich muss mich erst wiederfinden. Ich muss da weg. Ich brauche Zeit und Raum und Luft zum Atmen, zum Leben, zum Schaffen. Und Social Media ist nicht der Ort dafür.

Die deprimierende Wahrheit lautet: Es gibt zu viele von uns. Kunstwerke, die zu erschaffen Wochen, Monate, vielleicht Jahre gebraucht hat, werden mit einer Daumenbewegung weggewischt. Der Kick, das High, der Fix dauert drei Sekunden, maximal, dann heißt es: Next, please. Wir kleben Herzen und Lesezeichen an Aufnahmen, die uns besonders gut gefallen, „für später“. Wir ahnen, dass wir kaum jemals wieder zurückkommen werden, uns das alles nicht noch einmal anschauen werden, in Ruhe. Wie denn auch, wir könnten ja etwas Neues, noch besseres verpassen. Und so hüpfen wir von Minimalismusblogger zu ZEN-Tattoo, streichen unsere Wohnungen mit von Influencern angepriesenen, edlen Wandfarben, die Namen wie „Hüterin der Freiheit“ oder „Ruhe des Nordens“ tragen, und haben das Gefühl, wir seien die Ausnahme von der Regel. Wir gucken ja nicht RTL2, höchstens ironisch. Wir gucken arte.

Dieser Eintrag hüpft von Gedanke zu Gedanke, wie passend. Ich finde den Bogen nicht, ich kann nur anreißen, was mich aufwühlt. „Aufwühlen“, das klingt so pathosgeladen, dabei ist es genau das: Gewühl, Durcheinander, alles Matsch. Nennt man das Stream of Consciousness? Ich weiß es nicht, müsste ich erst googeln. Ich klappe den Rechner zu, all die Leute und ihre Schicksale weg, und gehe an den Zeichentisch. Erst mal stumpf alle Bleistifte anspitzen, haha.

Das hilft. Hoffentlich. Wobei? Hab’ ich vergessen.