Skip to main content

Warenkorb

Es ist Monat 21 der Pandemie und ich bin so müde und gleichzeitig so hellwach wie noch nie. Meine Nerven fusseln seit dem Sommer nicht nur wegen der noch zu verbloggenden Geschichte um die Lieferung der Bärenkochbücher deutlich vor sich hin. Mein Geduldsfaden, auch in den besten Zeiten eher eine Lunte, ist kürzer als das Haar eines Shaolin-Mönchs. Leute auf Twitter, mit denen ich ansonsten gut auskomme, selbst solche, von denen ich immer dachte, sie gehörten zu meinen liebsten Tweeties – ich blende sie inzwischen aus, schalte stumm, hänge ihre Accounts ab wie den letzten Wagen eines langen Zuges, den, in dem die Kiste mit den Schlangen und dem Dynamit ist. Es liegt an ihnen, oder es liegt an mir, es liegt wahrscheinlich an der verdammten Situation, an der Welt. Whatever. Ich mag sie nimmer lesen, mich nimmer mit ihnen austauschen. Vielleicht nächstes Jahr wieder, vielleicht auch gar nicht mehr. Alle reden nur noch über Coronazahlen, Klimadrama, Pflegedrama, Radfahrerunfälle, (kleine) Kinder, Politik, sogar wieder über US-Politik, herrje!, Feminismus und Gendertralala. Das sind alles Themen, denen ich gern aus dem Wege gehe, weil sie mir schlechte Laune machen, und man zu manchen auch öffentlich nichts sagen darf (was man natürlich erst recht nicht sagen darf). Gehet hin und spielt Eure Spiele, aber lasst mich mit Eurem Stuss in Ruhe. Was einst ein Zeitvertreib, ein Ort der Zerstreuung und Entspannung war, ist eine Mischung aus lästiger Pflicht und purem Stress geworden. Mein Baumhaus wird gefällt, meine Insel überflutet.

Ich habe neulich mal versucht, dagegen anzugehen und einen ganzen Tag lang nur lustige, kurze Lieblingstweets von vor zehn Jahren retweeted. Als wir noch 140 Zeichen hatten und es keine Twitterthreads gab, denn dafür gab’s Blogs. Die Reaktionen waren überwiegend positiv, und ich bin einigen dieser Accounts von damals neu gefolgt, aber die meisten von ihnen haben sich entweder ganz zurückgezogen oder twittern inzwischen auch nur noch Gruselzeugs, das einen in die Angststörung treibt. Für Angststörungen habe ich jedoch keine Verwendung, keine Energie, keine Zeit.

Inzwischen schaue ich auf Twitter daher aktiv fast nur noch Listen mit Künstleraccounts an. Z. B. diese hier. Oder diese mit Fine Artists. Oder diese mit ComickünstlerInnen und -Verlagen. Auch die Accounts auf diesen Listen haben mitunter Themen, bei denen ich Kopfschmerzen bekomme, aber nicht so geballt und  im Dauerfeuer. Es bleibt nicht aus, KünstlerInnen setzen sich nun einmal mit gesellschaftlichen Problemen auseinander und es ist teilweise ihre Aufgabe, den Finger in die Wunden zu legen, aber manchmal möchte ich „einfach nur hier sitzen“, wie es ein anderer Künstler aus einer anderen Zeit gesagt hat.

***

Ich verlasse das verminte Twitterland, in dem nur noch Doomscrolling und Rumgebrülle allenthalben herrscht, immer häufiger in Richtung TikTok. Versuche, ein Gefühl für diese chinesische Plattform zu finden. Natürlich gibt es auch dort Spinner, aber der Algorithmus scheint cleverer zu sein als der von Twitter, YouTube oder Instagram. Ich bekomme viele Inhalte angezeigt, die mir Spaß und gute Laune machen. Alte Bekannte von YouTube, neue, interessante Leute. Leute in meinem Alter und teils deutlich älter, z. B. eine Amerikanerin meines Alters, die sehr lustig-fatalistisch über Generation X Themen spricht. Ich habe immer belustigt die Augenbrauen hochgezogen bei diesen Generationseinteilungen, aber es hilft ja alles nichts: Man ist ein Produkt seiner Zeit und gehört nun einmal zu einer Generation, und meine ist eben die mit dem X.  Und ja, Generationenbashing ist lame und peinlich, aber manchmal fällt es dir halt wie Schuppen von den Augen: Du fragst dich, was dich an manchen Leuten so unsagbar nervt und stellst fest, dass es alles Leute desselben Alters sind, dass genau das ihr gemeinsamer Nenner ist.

Ich stelle fest, dass ich mit Generation Y a.k.a. den Mimimi- respektive me!me!me!-lennials und ihrem vor Selbstmitleid triefenden Bombast mitsamt ihrem Special Snowflake Neurodiversityscheiß nicht viel anfangen kann, um es mal diplomatisch zu formulieren. Ihr habt diese Probleme nicht erfunden, Leute, genauso wenig wie Ihr Männer in Frauenkleidern und Androgynität oder überhaupt das Spiel mit den Geschlechtern erfunden habt. Ihr macht nur ein irres Bohai darum. Just deal with it. Amanda Lear, Grace Jones, Ru Paul, Terence Trent D’Arby, David Bowie, Boy George, Dennis Rodman, ganz zu schweigen von Prince … doch, doch, erzählt mir unbedingt mehr darüber, wie bahnbrechend und revolutionär *checks notes* Harry Styles ist, weil er sich – gasp – die Fingernägel lackiert und eine Perlenkette zum Polohemd kombiniert. Der Junge weiß, wie man sich vermarktet (wenn auch nicht, zu welchem Anlass und welchen Klamotten man Perlen trägt).

Generation Z und ihrem stoischen Pragmatismus hingegen vertraue ich umso mehr – der ist sehr nahe an dem meiner Generation: Life sucks, then you die. So let’s get to work and party hard. Wir hatten allerdings den besseren Soundtrack, und es gibt glücklicherweise keine peinlichen Fotos und Videos von unseren Jugendsünden. The kids are alright, um Generation Z mache ich mir keine Sorgen. Die kriegen das hin.

Als Kind des kalten Krieges und Mitglied der „Generation X“ bin ich aufgewachsen in einer ständigen „Wir werden alle STÖRBEN!!111“-Atmosphäre. Die Bedrohung durch einen möglichen Atomkrieg oder wenigstens einen Atomreaktorunfall, die Dauerbeschallung in der Schule zum Thema Holocaust, die Kriegserfahrung unserer Eltern, Waldsterben, Saurer Regen, Giftfässer in Seweso, Lebensmittelskandale („Cadmium im Salat“ über „Östrogene im Kalbfleisch“, „Rinderwahnsinn“, „Glykol im Wein“, „Blei im Fisch“) und so weiter, und so fort  – ich habe gelernt, dass fast alles nur halb so wild ist, dass man es selbst eh nicht beeinflussen kann und dass es nicht sehr viel gibt, dem man nicht mit einer guten Portion Sarkasmus, Humor und geiler Musik begegnen kann, um klarzukommen. Man lässt sich nicht hängen, man hat keine Zeit für Depressionen, man stellt sich nicht an.

(Klischees und Vereinfachungen nerven fürchterlich, ja. Aber in jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit, manchmal zwei, und Vereinfachungen sind ein klassischer, humoristischer Kniff. Don’t @ me.)

Wenn also heute mal wieder die Welt untergeht, weil wir ein Zuviel an Informationen haben, dann erinnere ich mich kurz daran, dass die Welt schon immer schlimm war und wir früher halt nur 15 Minuten Tagesschau und ansonsten nur EINE verrückte Nachbarin hatten, die sich am Eierwagen mit Schauergeschichten in Szene setzte, oder nur EINEN Dorfdeppen, der mit einem „Das Ende ist NAH!“-Pappschild an der Ampel stand – und nicht live 24/7/365 einem Dauerfeuer von Bekloppten aus der ganzen Welt ausgesetzt waren, die für und von Followerzahlen und Klicks leben. Wobei … wir sind ihnen ja nicht ausgesetzt. Wir setzen uns ihnen selbst aus. Macht das verdammte Handy aus, hört auf, das zu lesen, was Euch als „Nachrichten“ verkauft wird, löscht die Social Media Apps, oder folgt zumindest nicht mehr diesen Themen und diesen Accounts, herrje! Dann braucht ihr auch keine emotional support animals, Ihr Spacken.

***

TikTok zeigt mir den Account eines jungen, schottischen Schäfers und seinen drei Border Collies, der macht mir besonders viel Freude. Ebenso der einer jungen Föhrerin aus dem Gastgewerbe, die durchscheinen lässt, wie verdammt klein und eng so ein Leben auf einer Nordseeinsel sein kann. Eine junge, schottische Comedienne, die das Patriarchat genauso auf die Schippe nimmt, wie sämtliche Klischees über Schottland. Ein deutscher Comedian, der das Leben als Beamte/r aufs Korn nimmt. Ein paar bilinguale Menschen, die über sprachliche Eigenheiten und ihre Wanderung zwischen den Kulturen sprechen. Ein steinalter, charmanter Mops, der an neun von zehn Tagen nicht zu bewegen ist, sein Körbchen vor dem Kamin zu verlassen und aufzustehen – jeden Tag steigt die Wette: Bleibt er heute stehen, wenn sein Herrchen ihn wie einen nassen Sack hochzieht? Ein junger, New Yorker Schwuler, der – zumindest auf TikTok – sehr schlagfertig ist. Ein anderer, der seine Neurosen über die Maßen unterhaltsam aufs Korn nimmt, auch wenn mir dazu Hannah Gadsbys feinsinnige Bemerkung aus ihrer Show Nanette einfällt: “I have built a career out of self-deprecating humor, and I don’t want to do that anymore. Because do you understand what self-deprecation means when it comes from somebody who already exists in the margins? It’s not humility. It’s humiliation.”

Kaum ein Filmclip ist länger als 1-2 Minuten, die meisten sind skurril bis erheiternd. Und es gibt dort eine Community, jedenfalls noch, in den Kommentaren wird überwiegend freundlich miteinander umgegangen. Es ist ein wenig, als seien sich alle einig: Hier ist es gerade jetzt in diesem Moment der Zeitgeschichte sehr nett. Über kurz oder lang wird auch dort alles schlimm werden, das ist der Lauf solcher Netzwerke. Dann zieht man weiter oder man zieht sich zurück.

***

Auf YouTube beende ich die Abonnements von einigen großen Accounts, die mir vor einem Jahr oder zwei noch Spaß gemacht haben, aber inzwischen nur mehr Werbefilmchen drehen. Es ist ermüdend zu sehen, wie sich Menschen (auf allen Kanälen) zur Marke machen (müssen), um noch aufzufallen, relevant zu bleiben, Sponsoren an Land zu ziehen. Der Burn-out für jeden klar erkennbar, außer für sie selbst, der Struggle ist real. Ich finde ein paar neue, schöne Accounts, die Ruhe ausstrahlen und wie ein warmes Schaumbad nach einem Tag auf der Autobahn sind, z. B. den von Thomas Heaton, einem Landschaftsfotografen aus dem Lake District Englands.

***

Auf Instagram kann man neuerdings Links in seinen Stories setzen, was ich direkt mal testhalber schamlos für den Bärlenderverkauf eingesetzt habe. Über 200 von den fast 900 Leuten, die mir dort folgen, haben den Clip gesehen, wie viele geklickt haben, kann ich nicht nachvollziehen, da ich hier keine Statistiksoftware nutze. Ich schätze mal, es waren höchstens zehn. Was ja den üblichen 1 % entspräche. Fakt aber ist: fast 700 Followern wurde meine Story sehr wahrscheinlich nicht einmal angezeigt. Wenn ich mein eigenes Nutzerverhalten dort betrachte, so klicke ich mich durch die Stories von zwei, drei der von mir abonnierten 150 Accounts, sehr gelegentlich scrolle ich auch noch mal durch die Timeline, höre jedoch allerspätestens nach der dritten Anzeige auf und beende das Erlebnis Instagram wieder für einige Tage.

***

Fazit: Es ist sinnloses auf-der-Stelle-Laufen, Nabelschau, im eigenen Saft schmoren. Austausch findet nicht mehr wirklich statt. Die Plattformen legen da ohnehin keinen Wert drauf, und wir NutzerInnen letzten Endes auch selbst nicht. Social Media ist von der kleinen Zusammenkunft auf dem Balkon mit den uncoolen Kids, während die beautiful people im Wohnzimmer sitzen, zum straff durchkommerzialisierten Rave geworden, in dem jeder berauscht zum dröhnenden, pulsierenden Beat zuckt, verkleidet wie ein Paradiesvogel. Man tanzt möglichst nah am Wagen mit dem angesagten DJ, dessen Glanz hoffentlich auf einen selbst abstrahlt. Wenn nicht, dann hat man sich wenigstens selbst super dargestellt und ein paar Selfies, auf denen der Star im Hintergrund gerade noch zu erkennen ist. Ich war jedoch noch nie ein Partytier, kein Mitglied der beautiful people und schon gar keine Raverin. Ich würde gern manchmal wieder mit den uncoolen Kids auf dem Balkon stehen und über Musik reden, oder über Literatur und Kunst und Comics und Film. Aber man darf nicht zurückschauen. Es gibt nur die Flucht nach vorn.

***

2022 werde ich wieder bloggen.

Join the discussion 10 Comments

  • Klaus sagt:

    Guten Morgen!

    War schon lange nicht mehr hier und bin überrascht, dass man Kommentare schreiben kann 🙂

    Leider alles sehr war. Beim Abschnitt über Tagesschau und den einzigen Dorfdeppen musste ich lachen. Saß neulich in der Dorfkneipe in Hörweite des Stammtischs und dachte: Früher hat man sich einfach woanders hingesetzt oder die Kneipe gewechselt, jetzt hat man das auf Twitter ständig.

    Blocken und Stummschalten sind keine Lösung; die größten Klopse werden oft von eigentlich „guten“ Twitterern in die Timeline gespült.

    Nun denn. Immerhin habe ich jetzt einen schönen Hintergrund auf meinem Handy-Sperrbildschirm. Vielen Dank!

    Viele Grüße
    Klaus

  • Matthias Welling sagt:

    Lese hier auch eine Menge „Mimimi“ in diesem Text.

  • Kiki sagt:

    @ Klaus: Ja, ich habe die Kommentare zwischenzeitlich mal wieder angemacht, obwohl ich sie demnächst wohl wieder abschalten werde; auf jeden echten Kommentar fallen fünfzig Spamkommentare und ich habe keine Zeit und Lust, die manuell durchzuflöhen.
    Stammtische, genau … auch sowas. 😀

  • Kiki sagt:

    @ Matthias: Projecting much? Mag sein dass Du das liest, aber ich hab’s nicht geschrieben.
    Fun fact: In meinem Blog, meinem digitalen Wohnzimmer hier geht’s um mich und meine Sicht auf (u.A.) die Welt da draußen. In der Welt da draußen hingegen rede ich nicht viel oder gar nicht über mich und meine Befindlichkeiten. Und ich jammere schon gar nicht rum und rante darüber, wie verdammt unfair die Welt zu MIR ist. Weder hier noch da draußen. Das ist der Unterschied. ¯\_(ツ)_/¯

  • Steffen sagt:

    Liebe Kiki,

    so ist das leider, ich merke selber, wie wenig ich bei Twitter reinschaue und vieles einfach wegscrolle. Was mir auch sehr auf den Zwirn geht, ist dieser ständige Abgrenzungswahn allerorten (Oh, ich bin Generation ABC, du Boomer, bläblä). Damals (TM) waren wir uns ja sicher, dass das aufgehoben werden könnte, wenn man nur die gleichen Interessen hat. Stimmt in der Realität auch noch und – da macht es Corona nur etwas schwer – zieht es mich immer mehr hin. Ich merke, wer die echten Freunde sind und mit wem man sich auch jetzt wieder treffen mag. Das snd nicht viele, aber dann geht es um all das, was ich mag: Kunst, Musik, Architektur und lustige Menschen im Internetz. Auch eine Erkenntnis. Alles Liebe und hoffentlich verschwindest du nicht ganz von Twitter, ich mag deine Ansichten nämlich und freu mich sehr, wenn du wieder mehr hier schreibst.

  • Kiki sagt:

    @ Steffen: Danke für die Blumen. Und ja, diese Art Abgrenzung liegt mir so gar nicht. Ich habe Freunde und gute Bekannte aller Generationen und Altersstufen, von 11 bis 85, und natürlich auch in der Generation Y. Mir ist nur aufgefallen, dass die für mich am unangenehmsten Menschen sich meist genau dieses Merkmal teilen. Nicht alle in der Generation sind bekloppt und nicht alle Bekloppten gehören zu dieser Generation, das versteht sich wohl von selbst. Und ich WILL Leute nicht in Schubladen stecken, schon deshalb, weil ich selbst in zu vielen Schubladen passe (oder halt gar keiner), und das meist wenig aussagekräftig ist.

  • Stefan sagt:

    Danke. Wie immer sehr schön und formvollendet auf den Punkt gebracht.

  • Kiki sagt:

    @Stefan: Aww, danke!

  • Julia sagt:

    Danke Danke Danke für die tollen Links nach TikTok, der Schäfer ist mein absoluter Favorit. Der ist so herzerfrischend!

    Deine Einschätzung von Twitter ist so auf den Punkt, mich hat es schon lange genervt, ich konnte nur nicht genau benennen,was genau. Vielleicht bin ich dafür auch einfach schon zu alt….

    Und nochmals danke – ist schon eine Weile her – für die Empfehlung der Biographie der genialen Patricia Highsmith, ein tolles Buch, dass so einige Lichter hat aufgehen lassen.

    Viele Grüße
    Julia

  • Kiki sagt:

    @Julia: Danke auch Dir für die Blumen und ja, der Schäfer und seine drei Collies sind super, oder? Und man lernt noch so viel dabei. Ich finde den ungeheuer entspannend.
    Demnächst bringt Diogenes eine Patricia Highsmith Tagebüchersammlung raus, habe ich mit einem Ohr mitbekommen, die ist sicher auch lesenswert.