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„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen“, wie Astrid Lindgren das mal so schön formuliert hat. Ich nehme mir jetzt diese Zeit und fahre zwei Wochen ans Meer. Dieses komische Meer, da oben, das „immer weg ist, wenn man endlich da ist“, wie unsere amerikanische Austauschschülerin das damals gefrustet formuliert hat. Ich nehme auch nur zwei Bücher mit. Wenn die alle sind, leergelesen, dann muss ich entweder wieder selbst eins schreiben oder die (zugegebenermaßen recht gut sortierte) Buchhandlung am Ort leerkaufen, oder eben einfach dasitzen und vor mich hin schauen. Aufs Meer. Auf die Berge, die hier Dünen heißen und nicht betreten werden dürfen, außer von den Hasen und Kaninchen und Fasanen und natürlich den Möwen, die sich ja um gar keine Regeln scheren. Auf die Wolken muss ich gucken. Und in mich.

Ich hatte so sehr gehofft, dass ich das Bärenkochbuch noch vor den Ferien verschicken und dann richtige Erholungsferien machen kann, aber die Druckerei bedauert eine „betriebsbedingte Verzögerung“ und kann erst „Ende der Woche“ liefern, direkt vor der gebuchten Reise. Insofern gehen die Bücher also leider erst ab August raus, denn ich muss sie ja mehrheitlich noch signieren und bei einigen noch eine Zeichnung aufs Vorsatzblatt zeichnen und alle schön und sicher verpacken und zur Post bringen und das ist halt binnen zweier Tage nicht lösbar. Also, nicht von mir, als one-woman-show. Und der Bär hat wie immer die Haare schön, wenn es an die Arbeit geht … vermutlich ist er im Park und schubst die Stehbrettpaddler auf dem See um.

Die Bücher, die ich mitnehme, könnten unterschiedlicher nicht sein: Zum einen eine rund tausend Seiten dicke (und daher seit einigen Jahren ungelesen im Regal wartende) Biographie von Patricia Highsmith, einer meiner Lieblingsautorinnen, deren Werk ich im zarten, viel zu frühen Alter von elf Jahren erstmals in der Stadtteilbibliothek begegnete. Damals konnte man noch ungestört in der Erwachsenenabteilung herumstromern und Orwells Überwachungsmechanismen in der Ausleihe, die heute eine Ausleihe „für das Alter ungeeigneter Medien“ unmöglich machen würde, waren noch nicht installiert. Im Gegenteil, es entspannen sich anschließend interessante Gespräche mit den Damen hinterm Ausleihtresen, die besser als jeder Algorithmus oder Computer wussten, dass manche Kinder reif genug sind für manche Bücher und elf nicht gleich elf ist.

Highsmith legte die Latte für intelligente, schockierende, vielschichtige Kriminalliteratur hier so dermaßen hoch, dass die für mich seither eigentlich kein/e AutorIn mehr reißen konnte. „Der talentierte Mr. Ripley”, zweimal sehr unterschiedlich (und auch gar nicht schlecht, aber halt nicht annähernd gebührend) verfilmt, gehört zu den Top 100 meiner Bücher, die ich immer wieder mal lese und in denen ich immer Neues entdecke. Die Kurzgeschichten mit der Schildkröte oder dem Schneckenforscher waren für mich gruseliger als jeder Stephen King und ob „Zwei Fremde im Zug“, „Carol“ oder „Die zwei Gesichter des Januar“, mit Highsmith verbinde ich prägende Jahre.

Es gibt inzwischen einige Highsmith-Biografien; sie scheint in den letzten Jahren auch und besonders in den USA wiederentdeckt worden zu sein, wo sie bis dato niemand so recht auf dem Schirm hatte, da sie zum einen recht früh in nach Europa emigriert ist und zum anderen offen homosexuell lebte. Letzteres ist vermutlich der Grund für ihre gewachsene Popularität; auf der Suche nach lesbischen und/oder „queeren“ (was genau heißt das eigentlich, ich finde fünfzig verschiedene Definitionen, keine davon sonderlich erhellend) Autorinnen wird ja dieser Tage weltweit sehr tief gegraben. Ich bin gespannt, ob dieses angebliche Standardwerk von Joan Schenker, „Die talentierte Ms. Highsmith“ (deutsch von Renate Orth-Guttmann, Karin Betz undAnna-Nina Kroll), über diesen Aspekt hinaus kommt und diese faszinierende Frau und ihr Werk umfassend beleuchtet.

Das zweite Buch ist das totale Kontrastprogramm zu Highsmith, und zwar der soeben erschienene Erstling (?) von Robert Schulz, das Kinderbuch „Pelipontalus und die Königin der Maschinen“, ganz wunderbar illustriert von Sina Loriani. „Joni, ihre Eltern und das Weltraum­tier Peli­pontalus wohnen auf dem Raum­schiff Milli­mallikas. Man transportiert Waren von Planet zu Planet, aber nie passiert etwas Spannendes, beschwert sich das Mädchen. Gerne würde sie ein richtiges Abenteuer erleben. Ach, hätte sich das Kind doch was weniger Gefährliches gewünscht als sie den Eiskometen erblickte, denn was danach folgt sind turbulente Ereignisse um Außerirdische, Kampfroboter und jede Menge Familiengeheimnisse.“ Ein „fantastisches Kinderbuch für alle im Alter zwischen 8 und 98 Jahren“ wie es selbstbewusst heißt, und ich bin jedenfalls sehr gespannt. Richtig gute Kinderbücher, noch dazu schön illustriert, damit kriegt man mich ja immer.

Die Rezensionen erfolgen demnächst an dieser Stelle.